Bist du schon Knut?

Mit dem Duzen im Marketing ist es so eine Sache. Beim einen kommt es gut an. Beim anderen weniger. Ich scheine eher zu letzterer Gruppe zu gehören. Was mir beim Besuch eines bestimmten Möbelhauses immer wieder klar wird. So wie neulich …

Der Weihnachtsbaum war gerade in seine aktive Nadelphase eingetreten, da sagte meine Frau: „Du, bei Ikea ist gerade Knut.“ „Und was macht Knut gerade bei Ikea?“, wollte ich fragen, wartete aber lieber einen Augenblick, ob mir vielleicht ein Knut in unserem Bekanntenkreis einfallen würde, der einen Zweitjob braucht. Sie müssen wissen: So viele Knuts gibt es nicht mehr heutzutage. Martin, Michael, Thomas, Frank – klar, mit denen können wir die Straßen pflastern. Knuts dagegen machen sich rar.

Als mir auch nach der zweiten Tasse Kaffee niemand eingefallen war, entschloss ich mich zu einem neutralen „Und?“, um das Gespräch nicht versanden zu lassen. Eine halbe Stunde später saßen wir in unserem Wagen und fuhren zur nächsten Filiale des blau-gelben Möbelriesen aus dem Elchenland.

Nicht, dass wir etwas gebraucht hätten. Eigentlich ist unsere Wohnung ziemlich voll mit allerlei Möbeln. Und bis jetzt haben wir uns nach jedem Besuch bei besagtem Möbelhaus geschworen, dass das das letzte Mal war – ehrlich. Doch da sieht man, dass ein gutes Marketing stärker sein kann, als alle guten Vorsätze.

Wer deshalb an meiner Charakterstärke zweifelt, sollte kurz innehalten. Nur wer frei von Ivar oder Billy ist, der werfe den ersten Dekostein (gibt’s in der Warenhalle). Ich kenne viele Leute, die nicht müde werden, zu bekräftigen, jetzt genug Sachen von Ikea in der Bude zu haben. Überhaupt: Sieht doch alles gleich aus. Hat man ja den gleichen Tisch wie die doofen Nachbarn. Und dann immer diese Bohr- und Schraublöcher. Trotzdem trifft man sich dann irgendwo zwischen Parkhaus und Warenausgabe. „Wir waren gerade sowieso in der Gegend“, „Wir suchen nur was für unsere Eltern.“ Gute Ausreden sind selten. Und selten sind Ausreden gut.

Aber gleich. Dieses offensichtliche Suchtverhalten kaufwütiger Großstädter kann ich akzeptieren. Was mir dagegen auf die Nerven geht, ist diese Duzerei. Klar, ich habe schon mal Schwedenkrimis gelesen und weiß, dass es ein förmliches Sie auf der anderen Seite der Ostsee nicht gibt. Aber trotzdem: Plakate, Katalog, Flyer – alle tun so, als wären sie alte Schulfreunde oder verflossene Saufkumpanen. „Frag unsere Mitarbeiter!“ und „Warum du deine Möbel selbst zusammenbauen musst!“ rangieren in meiner Hitliste ganz oben. Der erste Platz gehört allerdings der Zeile: „Für deine exotischen Träume.“

Glücklicherweise duzt einen das Personal noch nicht – aber wer weiß, das kommt vielleicht schon bald. Bis es soweit ist, liebes Ikea: Du gehst auf die Achtzig und hast wahrscheinlich schon viele Midlife-Crisis hinter dir. Aber da unsere Beziehung rein geschäftlicher Natur ist, nimm bitte von weiteren Verbrüderungen Abstand. Und schick mir mal diesen Knut vorbei, der soll mir beim Aufbauen helfen.